Lieber Walter, drei Monate nach dem Tod deines Vaters stellst du dich unseren Fragen. Fragen zum Umgang mit schwierigen Situationen – Fragen zu Versöhnung, Frieden und einem souveränen, selbstbestimmten Leben.

1)    Dein Vater hat dich und dein Leben in besonderer Weise geprägt. Wird sein Tod deine Arbeit – auch die beim TEAM BENEDIKT – beeinflussen? Und wenn ja, wie?

Jedes einschneidende Erlebnis beeinflusst uns, prägt uns und das gilt natürlich besonders auch für den Tod der Eltern. Der Tod meines Vaters hat, neben den Gefühlen der Trauer und des Schmerzes, auch ein zukunftsorientiertes Element. Die Berührung mit dem Tod zwingt uns, unser Verhältnis mit dem Leben zu hinterfragen, denn Leben und Tod sind für mich zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich denke, dass mich der Umgang mit dem Tod meines Vaters bewusster gemacht hat in Bezug auf meinen Lebensweg und mir Demut im Umgang mit dem Leben und seinen Herausforderungen schenkt.

2)    Inwiefern hat deine Versöhnungsarbeit dir in der aktuellen Situation geholfen?

Neben der Unterstützung durch meine Familie, meine Freunde und dem Zuspruch von vielen mir zumeist unbekannten Menschen war es sehr wichtig für mich, dass ich mich auf den schon 2010 formulierten und 2011 im Rahmen meines Buches „Leben oder gelebt werden“ veröffentlichten einseitigen Friedensvertrag mit meinem Vater stützen konnte. Ich empfand seinen Tod als eine Art Härtetest für die innere Glaubwürdigkeit und Stimmigkeit meines Konzeptes der einseitigen Versöhnung und ich bin sehr glücklich, dass ich mich bestätigt fühle. Diese Bestätigung schenkt mir viel Kraft und Zuversicht für meinen eigenen Weg und meine weitere Arbeit an und in diesem Thema.

3)    Du sprichst und schreibst von einseitiger Versöhnung. Geht das auch mit Menschen, die sich so völlig anders verhalten, als wir es uns wünschen und als angemessen betrachten? Also beispielsweise mit der zweiten Frau deines Vaters?

Einseitige Versöhnung ist eine Option, eine Möglichkeit, den eigenen Frieden mit einer Person und/oder Erfahrungen zu finden, unabhängig von den Anderen. Sie ist eine Form der Freiheit, denn durch ihre Einseitigkeit sind wir nicht vom guten Willen, der Versöhnungsbereitschaft der/des Anderen abhängig, sondern können unser Leben und unsere Gefühle aktiv und selbstbestimmt gestalten.

In Bezug auf Maike, die zweite Frau meines Vaters, habe ich für mich entschieden, dass unsere Lebenswege weitestgehend getrennt sind und dass dies so gut ist. Sie hat jahrelang jeden Kontakt unterbunden und jetzt soll jeder seinen Weg gehen.

Wichtig ist zu beachten, dass einseitige Versöhnung eine Option ist, die dann hilfreich wird, wenn sie benötigt wird und sich stimmig anfühlt. Sie darf nie zu Zwang oder zu einer Selbstverständlichkeit verkommen.

4)    Wie gehst du damit um, wenn du einen innigen Wunsch hast (beispielsweise die Beerdigung deines Vaters im Familiengrab oder die Verabschiedung der Enkel von ihrem Opa) und dieser Wunsch nicht realisierbar ist? Was empfiehlst du Menschen in ähnlichen Situationen?

Was nicht ist, das ist nicht. Dieser lapidare Spruch ist ebenso schmerzhaft wie wahr – leider. Wer die Realität leugnet oder sich ihr verschließt, den wird sie einholen. Gerade bei Schmerzen oder Belastungen, die aus enttäuschten Erwartungen entstehen, kann man Frieden und Heilung auf dem Weg der einseitigen Versöhnung finden, indem man nicht die Enttäuschung und die häufig damit verbundene Empörung in den Vordergrund stellt, sondern die Ursache betrachtet, also die eigene Erwartung, und diese dann neu ausrichtet. Von Viktor Frankl habe ich gelernt: „Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

5)    Deine Kurse bei uns haben als Ziel ein souveränes, selbstbestimmtes, friedvolles Leben. Für manche Menschen passt das nicht zu dem Bild, das sie sich durch die Medienberichte nach dem Tod deines Vaters von dir gemacht haben. Wie erklärst du das?

Medienberichte reduzieren sich häufig auf Blitzlichtaufnahmen innerhalb einer komplexen Situation, manchmal auch mit dem Ziel, Skandal und Empörung so in den Vordergrund zu stellen, dass maximale Auflage oder Quote erreicht wird. Dies ist eine Konsequenz des harten Wettbewerbs in der Branche. Damit muss man leben, zumal ich mir diese Berichterstattung weder ausgesucht habe, noch aktiv suche. Ich bin nun einmal in eine Familie hineingeboren, in der vieles, oft zu vieles, aus medialem Interesse öffentlich inszeniert wird.

Ich denke, dass die Sendung mit Markus Lanz am 29. August 2017 ein runderes, gesamtheitlicheres Bild gibt.

6)    Bei den Kursen und Veranstaltungen vom TEAM BENEDIKT hast du viele Menschen mit deiner Ausstrahlung und Persönlichkeit berührt und begeistert. Manche Menschen beschreiben den Walter Kohl, den sie in den Tagen und Wochen nach dem Tod deines Vaters in den Medien erlebt haben, als hart und unversöhnt. Wie viele Walter Kohl gibt es?

Es gibt einen Walter Kohl und der hat, wie alle anderen Menschen auch, verschiedene Seiten. Und wie gesagt, ich lade jeden ein, sich den Talk bei Markus Lanz anzusehen und sich dann seine eigene Meinung zu bilden.

7)    Welche Empfehlung hast du für uns: Wann gilt es anzunehmen, was ist, und wann gilt es, sich mit aller Kraft für eine Veränderung (oder Wandlung, wie P. Anselm sagt) einzusetzen? Wann braucht es eine Klärung – wann ein Loslassen?

Dazu kann ich unmöglich eine allgemeine Empfehlung geben. Ich denke, dass es fast immer die Chance zur Veränderung gibt. Denn hier liegt ja genau die Chance der einseitigen Versöhnung, denn sie macht dich unabhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen, den anderen Beteiligten und dem Umfeld. Ich glaube, wenn man einen gewissen inneren Abstand erreicht hat, wird einem das eigene Herz zuverlässig sagen, ob es Zeit für Veränderung, Loslassen (was ja auch eine Art der Veränderung darstellt) oder gemeinsame Klärung ist. Ich vertraue gerne auf die Kraft des Herzens.

Lieber Walter, vielen herzlichen Dank für deine Antworten! Wir sind dankbar, dass du bei uns im TEAM BENEDIKT mitwirkst und Menschen Wege zu einem sinnerfüllten und verantwortungsbewussten Leben und Arbeiten zeigst!

Die Fragen stellte Eva Müller, Geschäftsführerin TEAM BENEDIKT
September 2017

1. Walter Kohl_Fotografiert von Wolfgang Sauer