„Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Mit dieser Frage lädt der heilige Benedikt im Vorwort seiner Ordensregel die Leserinnen und Leser ein, sich zu fragen, ob sie wirklich glücklich sein wollen – eine wie ich meine bis heute wichtige Frage: Will ich wirklich glücklich sein? Und was bedeutet Glück für mich? Glück bedeutet ursprünglich „Gelingen“. „Mir ist etwas gut geglückt!“ bedeutete „Mir ist etwas gut gelungen!“ Dahinter steht die Erfahrung, dass wir zum Gelingen eine Menge beitragen können, ja sollen, dass wir das Glück aber nicht zwingen können. Es bleibt ein unverfügbarer Rest, etwas, das wir im Glauben manchmal auch Gnade nennen.

„Der eine so, der andere so“,
„Wenn du das hörst und sagst: Ja, dann …“ so schreibt Benedikt weiter und lädt damit ein, seine Regel als Weg zum geglückten, glücklichen Leben zu wählen. Eine Anregung aus dieser Regel zum Lebensglück ist im Kapitel 40 überschrieben mit „Das Maß des Getränkes“. Der Abschnitt beginnt mit folgenden Sätzen: „Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Deshalb bestimmen wir nur mit einigen Bedenken das Maß der Nahrung für andere.“ Benedikt sieht sich in der Verantwortung, etwas für andere zu regeln, eine Situation, die viele von uns kennen. Dabei macht er sich bewusst, dass Menschen unterschiedlich sind, dass wir durch Regeln in die persönliche Freiheit eingreifen, dass wir deshalb nicht leichtfertig oder aus Bequemlichkeit oder um selber Ruhe zu haben, Regeln aufstellen dürfen. Das wird den Menschen nicht gerecht.

Es braucht die Fähigkeit der weisen Unterscheidung, der „discretio“ wie es bei Benedikt heißt. Deshalb legt Benedikt sein Kriterium offen, er sorgt für Transparenz bei seiner Entscheidung, indem er schreibt: „Doch mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen meinen wir, dass für jeden täglich eine Hemina [ca. 1/3 Liter] Wein genügt.“

Offenlegen
Wenn wir die Hintergründe einer Entscheidung offenlegen, wenn wir anderen unsere Beweggründe sagen, vermeiden wir den Eindruck von Willkür. Wenn jemand versteht, warum, dann glückt das Miteinander häufig auch dann, wenn mein Mitmensch anders entschieden hätte.

Nicht hinter Regeln verstecken.
Dann macht Benedikt darauf aufmerksam, wie Menschen, die Verantwortung tragen, mit Regeln umgehen sollen: „Ob ungünstige Ortsverhältnisse, Arbeit oder Sommerhitze mehr erfordern, steht im Ermessen des Oberen. Doch achte er darauf, dass sich nicht Übersättigung oder Trunkenheit einschleichen.“ Niemand soll sich hinter Regeln verstecken, es gilt diese sinnvoll anzuwenden und den konkreten Umständen anzupassen. Damit öffnet er nicht der Beliebigkeit Tür und Tor, sondern fordert die Übernahme von Verantwortung und die Fähigkeit und Bereitschaft, in der jeweiligen Situation angemessen zu handeln. Dieser Entscheidungsspielraum hat für ihn Grenzen, Leitplanken, das sind in diesem Fall „Übersättigung oder Trunkenheit“.

Wie wir sind
Und jetzt weist Benedikt im folgenden Satz auf etwas hin, was Menschen und Gemeinschaften, die einem Ideal folgen, wohl besonders beachten sollten: „Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche. Aber weil sich die Mönche heutzutage davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar die Weisen zu Fall.“ Wie realistisch, wie nüchtern schätzt Benedikt seine Situation ein! In den Ordensregeln, die Benedikt vorlagen, gab es wohl ein vollständiges Verbot von Wein. Das war das Ideal. Benedikt nimmt aber die Menschen wahr, wie sie sind, nicht wie er sie idealerweise gerne hätte. Deshalb stellt er eine Regel auf, die lebbar ist, die nicht überfordert. Hier kann ich mich als Mensch mit meinen Stärken und Schwächen wiederfinden, hier fühle ich mich ernst- und angenommen. Wenn ich mich an dieser Regel orientiere, dann kann das Leben glücken.

So einfach ist das
Glücklich werden ist nicht kompliziert: Die Unterschiedlichkeit der Menschen ernst nehmen. Regelungen erklären. Beweggründe offenlegen. Im Umgang mit Regeln eigenverantwortlich handeln, dabei auf Leitplanken achten. Nur solche Regeln aufstellen, die auch lebbar sind, die die Freiheit nicht unnötig einschränken und den konkreten Menschen ernst nehmen, statt ihn zu überfordern. Als Gemeinschaft also eine Ordnung schaffen, die klar, transparent, lebbar und einladend ist. Und wenn ich in diesem Sinne meinen Beitrag geleistet habe, dann darf ich darauf vertrauen, dass Gottes Gnade mein Leben glücken lässt. So einfach ist das.

Stephan Röder